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Die Agrarstruktur Mecklenburg-Vorpommerns

Die Landwirtschaft in Mecklenburg-Vorpommern ist von großagrarischen und agrarindustriellen Strukturen geprägt. Besonderheiten des Bundeslandes in landwirtschaftlicher Hinsicht sind die fruchtbaren Böden und die Nähe zu Häfen. Ebenso ist die niedrige Anzahl von familiären Familienbetrieben kennzeichnend. Im Zusammenhang mit der geringen Bevölkerungsdichte, besonders in ländlichen Regionen, besteht ein nur schwach ausgeprägter lokaler Markt.

Die Agrarstruktur in Mecklenburg-Vorpommern eignet sich nicht für eine regionale Produktion. Auch in Hinblick auf die europäische Agrarpolitik. Besonders Marktfruchtbetriebe profitieren von den Direktzahlungen der europäischen Agrarpolitik. Landwirt:innen in Mecklenburg-Vorpommern erhielten nach Angaben des Agrarministeriums im Jahr 2019 405 Millionen Euro als Direktzahlungen oder Ausgleich für Umwelt- und Klimaschutzmaßnahmen.[1]

Auf mehr als der Hälfte der Anbaufläche Mecklenburg-Vorpommers stehen Weizen und Gerste. Der Menge geernteten Weizens ist in den letzten Jahrzehnten stark angestiegen. Es gibt einen großen Konkurrenzdruck um Flächen. Oft werden Flächen zu hohen Preisen verkauft an Nicht-Landwirt:innen außerhalb der Region.

Der Weg des Weizens

Über Getreidehandel kommt der Weizen zu den großen Agrarrohstoffhandelsunternehmen wie Cargill, Bunge und ADM und wird weiter exportiert. Eine andere Möglichkeit ist die Weiterverarbeitung von Weizen in anderen Bundesländern. Danach werden verarbeitete Weizenprodukte wieder nach Mecklenburg-Vorpommern eingeführt.

Insgesamt ist im Vergleich zu anderen Bundesländern wenig Lebensmittelindustrie in Mecklenburg-Vorpommern selbst zu finden.

Kurze Wege, große Betriebe

Während Gerste fast ausschließlich als Futtermittel verwendet wird, wird circa 75-80 % des Weizens aus Mecklenburg-Vorpommern exportiert. Im Jahr 2018 waren es 2 184 335 Tonnen. Die Vermarktung von Weizen ist auf den Export ausgelegt. Weizen ist eines der wichtigsten Exportgüter Mecklenburg-Vorpommerns.

Die Nähe zu Häfen bieten sich für den Export an. Hier gibt es einen Standortvorteil für Marktfruchtbetriebe und Getreidehandelsunternehmen. Durch die kurzen Wege können Kosten für Personal, Sprit u. Ä. eingespart werden. Die Häfen haben zudem eine hohe Aufnahmekapazität. In Mecklenburg-Vorpommern gibt es sehr viele große Betriebe. Die Lagermöglichkeiten unterscheiden sich. Zeitgleich werden große Mengen an Weizen geerntet und müssen, je nach Lagermöglichkeit des Betriebes, verkauft werden.

Der Rostocker Hafen

Circa 70-80% des Weizens, welches das Bundesland Mecklenburg-Vorpommern über den Rostocker Hafen verlässt, stammt auch aus Mecklenburg-Vorpommern. Der Rest wird vor allem aus anderen naheliegenden Bundesländern eingeführt.

Der Getreideumschlag im Rostocker Hafen insgesamt betrug 2018 etwa 2,24 Millionen Tonnen und ist damit die wichtigste Schüttgutart im Überseehafen. Davon war gut 1/3 Weizen. Bundesweit ist der Rostocker Hafen einer der größten Getreide-Umschlagplätze.[2]

Allein die GT Rostock GmbH hat seit ihrem Bestehen im Januar 2019 eine Million Tonnen Getreide exportiert (Stand April 2020). Nach eigenen Angaben liefert die GT in 15 Länder.[3]

Circa 80 % des Beiselen (Agrarhändler) exportierten Weizens stammt direkt aus Mecklenburg-Vorpommern, der Rest vorwiegend aus dem nördlichen Brandenburg. Die Ernte aus dem nordwestlichen Mecklenburg-Vorpommern geht nach Hamburg. Der Großteil der Weizenexporte geht in EU-Drittländer; vor allem in den Mittleren Osten, nach Nordafrika und nach Asien.

Euroports verkauft, wie auch andere Logistikunternehmen des Rostocker Hafens, an die internationalen Handelshäuser wie Louis Dreyfus Company B.V. (LDC), Bunge, Cargill und Glencore. Sie sind nur ein Umschlagbetrieb. Der Weizen kommt aus dem Umkreis von Rostock. Das Einzugsgebiet endet im westlichen Polen, bei Ratzeburg im Norden und Neubrandenburg im Süden. Die Menge an Weizen, welches in Mecklenburg-Vorpommern geerntet wurde, beträgt circa 70-80 % und war in den letzten Jahren relativ stabil.[4]

Fehlende regionale Strukturen

Weil die regionale Verarbeitungsstruktur fehlt, muss der Weizen das Bundesland verlassen, um gemahlen zu werden, außer er wird als Futtermittel genutzt.

Ein Teil des Weizens geht z. B. auch zur Berliner Schüttmühle, zur Aurora-Mühle in Hamburg (Tochter der GoodMills Deutschland GmbH) und zur Mühle in Malchin.[5] Die Aurora Mühle Hamburg bezieht ca. 20% Weizens und Roggen aus Mecklenburg-Vorpommern. Die Rosenmühle in Ergolding bezieht kein Getreide aus Mecklenburg-Vorpommern. Daher kommt ca. 10% des insgesamt gemahlenen Getreides aus Mecklenburg-Vorpommern. Die Produkte werden überwiegend in Deutschland vertrieben.[6]

Hauptimportländer

Zum innerdeutschen Handel gibt es keine Statistiken. Das heißt, dass alle Produkte die die deutsche Außengrenze über Mecklenburg-Vorpommern verlassen, nicht unbedingt auch aus Mecklenburg-Vorpommern stammen müssen, auch wenn es Rohstoffe sind.

Ein großer Teil des Weizens, der Deutschlands Grenzen über Mecklenburg-Vorpommern verlässt, geht per Schiff nach Saudi-Arabien. Der Export dorthin ist in den letzten Jahren gestiegen. Dies gilt auch für Exporte nach Südafrika und in den Sudan. Vergleichbar kleinere Mengen gehen nach Subsahara Afrika, z. B. nach Kenia, Nigeria und Guinea. (siehe Grafik unten)

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Bio-Getreide

Bio-Getreide wird insgesamt weniger exportiert. Die Nachfrage nach Bio-Weizen ist in den letzten Jahren gestiegen. Ökologisch angebauter Weizen muss unter Umständen auch konventionell verkauft werden, wenn keine entsprechenden Vermarktungs- und Verarbeitungsstrukturen für Bio-Weizen vorhanden sind. Dementsprechend ist die Frage der Regionalität abhängig vom Standort und auch den Lagermöglichkeiten vor Ort.

Die Ernte von Bio-Backweizen des Bio-Verbandes Biopark betrug 2019 400 Tonnen. Bei Futterweizen waren es im selben Jahr über 1000 Tonnen. Ob Weizen Futterweizen oder Backweizen wird, hängt von der gewählten Sorte ab, aber auch von Umwelteinflüssen und der Nährstoffzufuhr. Für Backweizen gäbe es theoretisch mehr Abnehmer*innen. Bis 2020 nahm die Mühle in Jarmen den Weizen ab und verarbeitete ihn. In Mecklenburg-Vorpommern gibt es kaum Verarbeitungsmöglichkeiten für Bio-Backweizen, zumindest nicht in den gelieferten Größenordnungen. Futterweizen wird für die Mischfutterproduktion eingesetzt und wird überwiegend regional, d. h. im eigenen Bundesland eingesetzt. Bio-Backweizen wird deutschlandweit vermarktet (u. a. in Berlin, Hamburg und Süddeutschland). Getreide kann auch aus umliegenden Bundesländern kommen. Der Preis für das Getreide ist auch hier vom Markt abhängig.[7]

Regionale Vermarktung als Alternative?

In Mecklenburg-Vorpommern sind die Bedingungen für eine regionale Vermarktung von Getreide ungünstig. Es kann kein regionaler Kreislauf entstehen. Die produzierten Mengen eignen sich nicht für eine regionale Vermarktung.

Um eine regionale Wertschöpfung zu stärken, ist zumindest die Verarbeitung von Getreide in Mühlen in Mecklenburg-Vorpommern essentiell. Insofern ist die geplante Schließung der letzten produzierenden Mühle in Mecklenburg-Vorpommern in Jarmen in diesem Jahr kontraproduktiv.

Notwendig ist ein stärkeres Bewusstsein der Verbraucher*innen für den Konsum regionaler Produkte. Wir brauchen eine stärkere Nachfrage nach regionalen Produkten, damit es sich für die Produzent:innen lohnt regional zu vermarkten.

Quellen

[1]Vgl.: dpa/mv, Schwesig sichert Landwirten in Mecklenburg-Vorpommern Unterstützung zu, https://www.proplanta.de/agrar-nachrichten/agrarpolitik/schwesig-sichert-landwirten-in-mecklenburg-vorpommern-unterstuetzung-zu_article1564094739.html, letzter Zugriff am 1. Mai 2020.

[2]Vgl.: dpa-infocom GmbH, Neues Getreideterminal geht im Rostocker Hafen in Betrieb - WELT, letzter Zugriff am 7. April 2020.

[3]Vgl.: GT Rostock, News: 1 Mio Tonnen - GT Rostock GmbH, News: 1 Mio Tonnen, letzter Zugriff am 9. April 2020.

[4]Vgl.: Euroports Getreide Service Rostock GmbH, Weizenexporte über den Rostocker Hafen (29.05.2020), Rostock

[5]Beiselen, Weizenexporte Beiselen (24.06.2020), Telefonisch.

[6]Vgl.: Aurora Mühlen: Anfrage nach Herkunft des Getreides (30.07.2020).

[7]Vgl.: Biopark-Verband: Nachfrage Bio-Getreide in Mecklenburg-Vorpommern (07.05.2020), Telefonisch.

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1

Regionale Wertschöpfungsketten

Wir brauchen stärkere Stadt-Land-Verbindungen und ausgebaute regionale Vermarktungskonzepte sowie mehr regionale Verarbeitungs- und Veredlungsmöglichkeiten.

2

Faire Handelsbeziehungen

Wir müssen uns auf europäischer Ebene für gerechte Handelsbeziehungen einsetzen. Auch in unserer Region können wir z. B. durch landwirtschaftliche Partnerschaftsprojekte in den Austausch mit Menschen im Globalen Süden treten und regionale Lösungen vor Ort finden.

3

Transparente Lieferketten

Die gesamte Wertschöpfungskette nachzuvollziehen ist schwierig. Oft kennen die Produzent:innen und Händler:innen nur das nächste Glied in der Kette und haben keinen Einfluss darauf, wo das Produkt am Ende landet. Statistisch ist nicht nachzuvollziehen, wo ein Produkt endkonsumiert wird und welche Produktionsschritte es wo vorher durchlaufen ist.